Was, wenn Energie 2030 zur steuerbaren Unternehmensressource wird?

Mit generativer KI erstellt.

1. PIKO-MUSTER

Vom Energieverbraucher zum Flexumer

Die EU will Elektrifizierung deutlich beschleunigen. Im Juli 2026 stellte die Europäische Kommission fest, dass Strom seit rund einem Jahrzehnt nur etwa 23 Prozent des Endenergieverbrauchs ausmacht. Als Referenzwert gelten 32 Prozent bis 2030; für 2040 schlägt die Kommission einen indikativen Wert von 46 Prozent vor [1, S. 3–4].

Doch mehr Strom bedeutet nicht automatisch mehr Wettbewerbsfähigkeit. 2025 lagen die Strompreise energieintensiver EU-Industriekunden im Durchschnitt weiterhin bei mehr als dem Doppelten des US-Niveaus und über 50 Prozent über China. Diese Werte beziehen sich auf große energieintensive Industriekunden, nicht speziell auf KMU. Gleichzeitig waren in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und Spanien rund sechs Prozent der Großhandelsstunden negativ – für die IEA ein Signal mangelnder Flexibilität im Stromsystem [2].

Hier verändert Digitalisierung die Logik. Die EU-Roadmap für Digitalisierung und KI im Energiesektor zielt ausdrücklich auf Netzoptimierung, Energieeffizienz und nachfrageseitige Flexibilität [3]. Elektrische Wärme, Fahrzeuge, Speicher und Produktionsanlagen werden damit nicht nur zusätzliche Verbraucher. Richtig verbunden können sie zeitlich steuerbare Lasten werden.

Die Gegenkräfte sind erheblich: Die Kommission nennt hohe Investitionskosten, Netzengpässe und Anschlusswarteschlangen sowie ungünstige Strom-Gas-Preisverhältnisse als zentrale Bremsen [1, S. 4]. Auch KMU verfügen nicht automatisch über die nötigen Fähigkeiten. In einer IEA-Befragung von 1.000 Industriebetrieben in 14 Ländern hatten nur 15 Prozent der Unternehmen mit weniger als 100 Beschäftigten in den vorherigen fünf Jahren ein Energieaudit durchgeführt [4].

Eine mögliche Zukunft lautet deshalb nicht: Bis 2030 ist alles elektrifiziert. Sondern: Energie wird in vielen Unternehmen zu einer aktiv gesteuerten Produktionsressource. Wer Verbrauch, Eigenerzeugung, Wärme, Mobilität und Speicher aufeinander abstimmen kann, kann Preisschwankungen besser nutzen oder abfedern und seine Abhängigkeit von einzelnen Energieträgern reduzieren. Wer unflexibel bleibt, könnte dagegen für dieselbe Produktionsleistung strukturell mehr bezahlen. Das ist ein Szenario, keine Prognose.

2. PIKO-ANALYSE

Die wertvolle Fähigkeit heißt integrierte Energieflexibilität

Die entscheidende KMU-Kompetenz wäre dann nicht „Elektrifizierung“, sondern die Fähigkeit, technische und wirtschaftliche Freiheitsgrade im eigenen Betrieb zu kennen und zu steuern: Welche Prozesse müssen jederzeit laufen? Welche lassen sich verschieben? Wo kann Abwärme einen anderen Energiebedarf ersetzen? Wann lohnt Elektrifizierung? Welche Speicher existieren ohnehin – etwa Fahrzeugbatterien oder thermische Puffer?

Eine modellbasierte Fallstudie eines norddeutschen Produktionsbetriebs zeigt, dass die Kombination aus Sektorkopplung und Flexibilität die Kosten einer Dekarbonisierung je nach Preisannahmen deutlich senken kann; die Ergebnisse reichen von 19 bis 80 Prozent [5]. Das ist kein allgemeiner Wirkungsnachweis, sondern ein standortspezifisches Optimierungsmodell. Es zeigt aber den Mechanismus: Wert entsteht nicht aus einzelnen Technologien, sondern aus ihrem koordinierten Betrieb.

Für KMU kann darin eine Chance liegen, weil detailliertes Prozesswissen und kurze Entscheidungswege Integration erleichtern können. Gleichzeitig wirken Kapital-, Daten- und Kompetenzengpässe gerade bei kleineren Unternehmen als Gegenkraft [4]. Wertvoller wird daher nicht das KMU mit den meisten Energietechnologien, sondern das mit dem besseren Betriebsmodell für Energie.

3. PIKO-BEST-PRACTICE

Bäcker Schüren: Energieflüsse entlang des Betriebs denken

Unternehmen: Bäcker Schüren aus Hilden beschäftigt 2026 nach eigenen Angaben 230 Mitarbeitende an 20 Standorten und liegt damit nach Beschäftigtenzahl innerhalb der EU-KMU-Grenze [6].

Ausgangslage: Backen, Kühlen und Filiallogistik erzeugen unterschiedliche Energiebedarfe zu unterschiedlichen Tageszeiten.

Strategische Entscheidung: Der Familienbetrieb verband Wärmerückgewinnung, Photovoltaik und Elektromobilität schrittweise. Der inzwischen vollständig elektrische Fuhrpark wird zu großen Teilen dann mit eigenem Solarstrom geladen, wenn die Fahrzeuge mittags von den Liefertouren zurückkehren und der Verbrauch der Backstube sinkt [6].

Belegbares Ergebnis: Die Geschäftsleitung berichtet 2026 von knapp 50 Prozent geringerem Energieverbrauch und einem Betrieb, der heute zu 98 Prozent CO₂-neutral sei [6]. Bereits ein externer Praxisbericht von 2018 dokumentierte rund 50 Prozent höhere Ressourceneffizienz gegenüber dem früheren Zustand, 91 Prozent weniger CO₂-Emissionen und eine deutlich geringere Energiekostenquote als im damaligen Branchenvergleich [7].

Quellenbegrenzung: Die aktuellen Kennzahlen sind Unternehmens-Selbstauskünfte; auch der ältere Praxisbericht ist keine kausale Wirkungsstudie.

Übertragbarer Lernpunkt: Der Fall zeigt weniger „Elektrifizierung um jeden Preis“ als eine Reihenfolge: erst Energieflüsse verstehen, dann Effizienz heben, anschließend Sektoren verbinden und erst dort weiter elektrifizieren, wo Betrieb und Wirtschaftlichkeit zusammenpassen.

4. PIKO STRATEGIEKOMPASS

Die Fragen für Geschäftsführer

  1. Welche Energieverbräuche unseres Unternehmens sind wirklich zeitkritisch – und welche könnten wir verschieben, speichern oder durch andere Energieflüsse ersetzen?
  2. Wo bezahlen wir heute für Energieverschwendung, obwohl das eigentliche Problem fehlende Prozessdaten oder Steuerbarkeit ist?
  3. Welche Investition schafft gleichzeitig Effizienz, Flexibilität und Resilienz – statt nur einen Energieträger durch einen anderen zu ersetzen?
  4. Welche Abhängigkeit würde durch stärkere Elektrifizierung neu entstehen: Netzanschluss, Strompreis, Software, Daten, Technologieanbieter oder Fachkräfte?
  5. Welche kleine, reversible Pilotierung könnte innerhalb eines Produktionsbereichs zeigen, ob flexible Energienutzung für uns einen messbaren Wettbewerbsvorteil erzeugt?

Die strategische Leitfrage lautet: Wie müsste unser Unternehmen Energie bis 2030 steuern können, damit sie nicht nur Kosten verursacht, sondern unseren Unternehmenswert erhöht?


Quellen

[1] European Commission (2026): Electrification Action Plan. COM(2026) 595 final. Brussels: European Commission, 17. Juli 2026, insbesondere S. 3–5.
https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=CELEX:52026DC0595
Abruf: 9. August 2026. Modell- und Szenarioaussagen der Kommission sind nicht als Prognosen zu verstehen.

[2] International Energy Agency (2026): Electricity 2026 – Prices. Paris: IEA. Datenstand für Preisvergleiche überwiegend 2025.
https://www.iea.org/reports/electricity-2026/prices
Abruf: 9. August 2026. Der internationale Industriepreisvergleich bezieht sich auf energieintensive Großverbraucher und ist nicht unmittelbar auf KMU übertragbar.

[3] European Commission, Directorate-General for Energy (2026): Commission presents measures to digitalise Europe’s energy system while ensuring sustainable digitalisation. News announcement, 3. Juni 2026; Bezug auf COM(2026) 501.
https://energy.ec.europa.eu/news/commission-presents-measures-digitalise-europes-energy-system-while-ensuring-sustainable-2026-06-03_en
Abruf: 9. August 2026.

[4] International Energy Agency (2025): Gaining an Edge: The Role of Energy Efficiency in Industrial Competitiveness. Paris: IEA, veröffentlicht am 11. Juni 2025.
https://www.iea.org/reports/gaining-an-edge
Abruf: 9. August 2026. Enthält u. a. eine IEA-Befragung von 1.000 Industriebetrieben in 14 Ländern; Survey-Evidenz, keine kausale Wirkungsanalyse.

[5] Fleschutz, M., Bohlayer, M., Braun, M. & Murphy, M. D. (2023): ‘From prosumer to flexumer: Case study on the value of flexibility in decarbonizing the multi-energy system of a manufacturing company’. Applied Energy, 347, 121430.
DOI: https://doi.org/10.1016/j.apenergy.2023.121430
Modellbasierte Einzelfallstudie; Ergebnisse hängen wesentlich von Preis-, Technologie- und Standortannahmen ab.

[6] Fin.Connect.NRW (2026): Bäcker Schüren backt fast klimaneutral: „Nachhaltigkeit ist für uns ein Wettbewerbsvorteil“. Interview mit Geschäftsleiterin Heidi Schiller, 28. Mai 2026.
https://www.fin-connect-nrw.de/studien/baecker-schueren-backt-fast-klimaneutral-nachhaltigkeit-ist-fuer-uns-ein-wettbewerbsvorteil
Abruf: 9. August 2026. Praxisfall / Unternehmens-Selbstauskunft; keine unabhängige Wirkungsstudie.

[7] Deutsches Handwerksblatt / Effizienz-Agentur NRW (2018): Bäckerei Schüren: Biologisch und klimaneutral. Februar 2018.
https://www.handwerksblatt.de/themen-specials/so-nachhaltig-ist-das-handwerk/baeckerei-schueren-klimaneutrale-produktion
Abruf: 9. August 2026. Externer Praxisbericht auf Basis des Effizienz-Preises NRW; keine kausale Wirkungsstudie.

Schreibe einen Kommentar